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Bibliografische Daten
ISBN/EAN: 9783887473884
Sprache: Deutsch
Umfang: 168 S., 15 Illustr.
Format (T/L/B): 2 x 22.2 x 14.8 cm
Einband: gebundenes Buch

Beschreibung

Christiane Bauermeister hat ab den 1970er Jahren, zunächst als Studentin, später als 'Russlandbeauftragte' der Berliner Festspiele und freie Kuratorin immer wieder die Sowjetunion bzw. nach dem Zusammenbruch die daraus entstandenen Staaten bereist. Dabei öffneten sich ihr viele Türen und sie lernte zahlreiche bekannte und unbekannte Künstlerinnen und Künstler kennen, woraus einige Freundschaften entstanden. Die Begegnungen zeigen auch die unterschiedlichen Lebensumstände der Künstler*innen im Verhältnis zur Staatsmacht auf: Menschen, die eher im Untergrund und versteckt wirkten, die in Opposition zu der jeweiligen Führung arbeiteten und zum Teil verfolgt wurden, andere, die völlig vergessen und verarmt ihr Dasein fristeten, und solche, die sich arrangiert hatten mit der Macht, offizielle Positionen besetzten, aber trotzdem interessiert waren am kulturellen Austausch mit deutschen Museen, Galerien, Konzerthäusern. Die Autorin war u.a. in Moskau, Leningrad/Petersburg, Wolgograd, Vilnius und Tiflis unterwegs, sodass die Begegnungen auch sehr lebendige Beschreibungen von Städten, Straßen und Plätzen enthalten. So entsteht Station für Station, Porträt für Porträt, Tisch für Tisch ein faszinierendes Mosaik der Kulturszene und des alltäglichen Lebens in der ehemaligen Sowjetunion von den 1920er Jahren bis heute.

Autorenportrait

Christiane Bauermeister studierte Slawistik in Berlin, war ab Ende der 70er Jahre als Ausstellungsmacherin, Kuratorin von literarischen und musikalischen Veranstaltungen und Reihen in Russland und Westeuropa unterwegs. Sie organisierte große Ausstellungen und Veranstaltungen zur russischen Kunst der Avantgarde in Berlin, Frankfurt/Main, Amsterdam, New York, Wien und Moskau, schrieb zahlreiche Beiträge zu Katalogen, arbeitete für Funk- und Fernsehanstalten und ist Autorin von Reiseführern über osteuropäische Länder. Sie lebt in Berlin.

Leseprobe

In einem Seitenweg am Arbat, der Wesnin-Gasse, wohnte Tatjana Tretjakowa. Schon im Hausflur roch es nach Zigarettenrauch und nach gebratenen Zwiebeln. Der Lift rumpelte in den dritten Stock, ich stand vor einer Wohnungstür, wohl im vergangenen Jahrhundert einmal lindgrün gestrichen, an der Wand waren sieben Klingelschilder angebracht. Sieben verschiedene Parteien teilten sich eine ehemals noble 8-Zimmerwohnung, die schon in den zwanziger Jahren in eine Kommunalka umgewandelt worden war. Es hatte Wohnungsnot geherrscht, und die Bolschwiki hatten kurzerhand die ehemaligen Besitzer enteignet und ihre Wohnungen Arbeiterfamilien zur Verfügung gestellt, pro Familie ein Zimmer, das musste reichen. Tatjana Tretjakowa, groß und schlank, in schwarzen Hosen, mit violettem Schimmer in ihrem weißen Haar, holte mich an der Tür ab, führte mich durch einen dunklen schmalen Flur, der mit Schränken vollgestellt war, durch eine Küche, in der vier, etwas ältere Gasherde standen. Am Ende des Flures betraten wir ein geräumiges Zimmer, in dem ein Eisschrank brummte. Das Zimmer war mit Möbeln vollgestellt: Spiegelkommode, Garderobenständer, Schreibtisch. Ich nahm auf einem Sofa Platz, das wohl nachts als Tanjas Bett dient. Tanja zauberte mit Hilfe eines Tauchsieders einen starken russischen Tee und stellte Gebäck auf den Tisch. Sie knickte sich - nach russischer Art am Mundstück - eine Papirossa zurecht und fing an zu rauchen. Charmant fragte sie mich, was mich zu ihr führe.