Berliner Zeitung, 01.02.19

Im belesenen Kiez Der Georg Büchner Buchladen am Kollwitzplatz

Cornelia Geißler, Berliner Zeitung 01.02.19

Ich hatte neulich eine Kundin, die sagte mir, sie habe zum ersten Mal in ihrem Leben kein Buch zu Weihnachten verschenkt. Sie war selber erschrocken.“ Die Buchhändlerin Sabeth Vilmar deutet das veränderte Konsumverhalten als Symptom, aber auch als Aufforderung, das Interesse der Menschen, die immer gern gelesen haben, wachzuhalten.

Erstmals kein Plus

 
 

Sie führt durch den Georg Büchner Buchladen in der Wörther Straße am Kollwitzplatz. Mehrere thematisch sortierte Tische halten die Neugier gleich im Eingangsraum, locken dann weiter in die Tiefe – 130 Quadratmeter Verkaufsfläche: Für eine unabhängige Buchhandlung ist das ganz schön viel. Und das in diesen Zeiten, da der Branchenverband sogar eine „Leserschwundstudie“ in Auftrag gegeben hat.

 

Während wir den Buchladen verlassen und um die Ecke zum Italiener spazieren, sagt Sabeth Vilmar, dass im vergangenen Jahr erstmals kein Pluszeichen vor der Umsatzzahl stand. Über ihre Ideen, wie man das Interesse am Buch wachhalten kann, wird sie künftig mehr mit den Kollegen im Börsenverein des deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main sprechen, wo sie seit kurzem zum Vorstand des Sortimenter-Ausschusses gehört.

Seit über 20 Jahren in der Wörtherstraße

Vielleicht auch mit Kollegen im Stadtbezirk, weil sie sagt, dass ein Forum für die Gleichgesinnten hier fehle. „Wir sind ja nicht nur Konkurrenten, uns eint doch vieles.“ Sabeth Vilmar ist im vergangenen Sommer 65 Jahre alt geworden und steigt aus – aber noch nicht aus dem Beruf.

Eine Buchhandlung hatte Sabeth Vilmar schon seit 1982, noch während ihres Studiums der Ethnologie und Arabistik, in Köln geführt. Nach dem Mauerfall wollte sie unbedingt nach Berlin. Zumal ihr Mann bald hier arbeitete und sie eigentlich nicht – noch dazu mit Kind – pendeln wollten.

Als der DDR-Volksbuchhandel aufgelöst wurde, hatte sie zwar schon den Zuschlag für einen Laden in Prenzlauer Berg, doch dann bekam sie keinen Mietvertrag, denn die Eigentumsverhältnisse waren nicht klar. Mitte der 90er-Jahre ergab sich endlich die Chance, in die Wörther Straße zu ziehen. Am 26. Oktober 1995 eröffnete Sabeth Vilmar mit einer Lesung von Wolfgang Hilbig den Georg Büchner Buchladen. So hieß schon ihr Geschäft in Köln.

„Das war absolut nicht vergleichbar mit heute“

„Und jetzt gebe ich den Georg schweren Herzens auf“, sagt sie, „aber das ist auch ein Neuanfang.“ Zum 1. Februar wird Christiane Schröter, die Vilmar bereits als Studentin kennenlernte, die bei ihr die Ausbildung gemacht und seither in ihrem Team gearbeitet hat, die neue Chefin in der Wörther Straße. Sabeth Vilmar übernimmt das Nachbargeschäft im Haus Nr. 17, das seit dem Jahr 2000 auf deutlich kleinerer Fläche als Georg Büchner Kunstbuchhandlung die Themen Fotografie, Film, Kunst, Architektur und Garten anbietet. Sie trennt es vom Haupt-Laden. „KBK“ heißt es fortan: Kunst Buch Kollwitzplatz.

Wie erlebte Sabeth Vilmar das Viertel, das heute ein Anziehungspunkt für Berlinbesucher aus aller Welt ist, als sie anfing? „Das war absolut nicht vergleichbar mit heute“, sagt sie. „Sonnabends haben wir uns auf die Straße gestellt und gefragt, ob wir nicht bereits vor 14 Uhr schließen sollten. Richtig verändert hat sich das erst durch die Renovierung der Häuser und – leider – die Privatisierung.“

Das politische Sachbuch läuft

Der Laden ist von Anfang an sehr gut angenommen worden. „Es ist ein sehr belesener Kiez.“ Sabeth Vilmar, die selbst im Bötzowviertel wohnt, fühlt sich ausgesprochen wohl hier. „Das politische, philosophische und historische Sachbuch läuft bei uns nach wie vor sehr gut, fast besser als die Belletristik. Der Austausch der Bevölkerung ist in der Buchhandlung nicht sichtbar. Und die Wohnungen in den Häusern über unseren Läden sind noch nicht privatisiert und als Eigentum verkauft.“

Dass so viele Kinder in der Gegend geboren wurden, hat aber doch Einfluss auf die Buchhandlung genommen. Die Kinderbuchabteilung wurde vor ein paar Jahren erweitert und liegt nun wie eine Insel am Ende des Ganges nach hinten. Sabeth Vilmar hat einige Leser von klein auf begleiten können. „Manche holen sich jetzt hier ihre Bücher fürs Studium. Dann umarmt man sich auch mal, wenn man sich so lange kennt.“

„Serotonin“ und „Stella“

Für die verschiedenen Interessen des Publikums ansprechbar zu sein, gehört zur sozialen Kompetenz, die so ein Geschäft für ein Viertel haben kann. Georg Büchner ist einer von insgesamt 36 Buchläden in Prenzlauer Berg. Als Veranstalter des Festivals Literaturort Prenzlauer Berg, das 15 Jahre lief, und jetzt mit dem Festival Literatur:Berlin hat er sich in die Veranstaltungskalender der Stadt eingeschrieben.

Auch in ihrer Kunstbuchhandlung will Sabeth Vilmar Vorträge und Gespräche anbieten. Sie beginnt am 3. April, wenn zum Bauhaus-Jahr die Frauen um Walter Gropius im Mittelpunkt stehen. Das Jahr hat schon gut angefangen mit Michel Houellebecqs Roman „Serotonin“, der sich hervorragend verkaufe, auch die Nachfrage nach Takis Würgers umstrittenem Buch „Stella“ sei groß. An Sabeth Vilmars neuem Arbeitsplatz wird nun die Berlinale der erste Höhepunkt sein, den sie mit DVDs und Büchern begleitet.